Dienstag, 2. Juli 2019

"Bauhaus. Textil und Grafik", 05.05. - 04.08.2019, Kunstsammlungen Chemnitz

 

Otti BergerKinderzimmerteppich, 1929
Bauhaus Dessau
Abgewandelte Leinwandbindung, Baumwolle, merzerisierte Baumwolle, 187,5 x 112,5 cm
Kunstsammlungen Chemnitz
Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt




Den Kunstsammlungen Chemnitz ist es aufgrund ihrer umfangreichen und herausragenden Bestände möglich, vom 5. Mai bis zum 4. August einen besonderen Blick auf die künstlerische Tätigkeit der wenig beachteten Frauen am Bauhaus zu werfen. Schwerpunkt dieser Ausstellung zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses sind Textilien, die in den 1920er-Jahren in der Weberei entstanden. Die Weberei gehörte zu den erfolgreichsten Werkstätten des Bauhauses, sowohl in Weimar als auch in Dessau. Zu sehen sind Arbeiten von Künstlerinnen wie Benita Koch-Otte, Otti Berger und Gertrud Arndt. Ergänzt werden die Stoffe durch Grafiken und Fotografien von Vertretern des Bauhauses Weimar und dessen Umfeld wie Marianne Brandt, Lyonel Feininger, Joost Schmidt, Max Pechstein und Kurt Schwitters.



Else Mögelin
Wandbehang Rotes Reh, 1927
Handweberei Else Mögelin, Gildenhall
Leinwandbindung, Baumwolle, Wolle, Seide, 271 x 157,5 cm
Kunstsammlungen Chemnitz
Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt




Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Reihe von großformatigen Behängen und Teppichen aus dem Bauhaus Weimar und Dessau von Künstlerinnen wie Benita Koch-Otte, Gunta Stölzl, Gertrud Arndt, Otti Berger, Else Mögelin und Ida Kerkovius. Neben Wandbehängen dokumentieren Musterstücke den vom Bauhaus seit den frühen 1920er-Jahren beschrittenen Weg vom künstlerischen Einzelstück zur industriellen Formgebung, aber auch die hohe ästhetische Qualität der Stoffe. Die bauhaustypische Entwicklung führte vom schmückenden Wandbehang als künstlerischem Einzelstück hin zu funktionalen Textilien für Stühle, Vorhänge und Wandbespannungen.


Gertrud ArndtFlügeldecke, 1927
Doppelgewebe, Leinwandbindung,
Viskose, 203 x 120 cm
Kunstsammlungen Chemnitz
Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt © VG Bild-Kunst, Bonn 2019







Ergänzt werden die Werke der angewandten Kunst durch druckgrafische Arbeiten von Vertretern des Bauhauses Weimar wie das berühmte Titelblatt Kathedrale von Lyonel Feininger für das Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses Weimar von 1919 sowie die 12 Holzschnitte des Künstlers von 1920. Die grafische Druckerei wurde während der gesamten Weimarer Zeit von Lyonel Feininger
geleitet, der vor allem durch seine Holzschnitte hervortrat. Freie Arbeiten von Paul Klee, Oskar Schlemmer und Willi Baumeister sind ebenso zu sehen wie Blätter aus dem Mappenwerk Neue europäische Graphik (erschienen bis 1924) mit Arbeiten auf Papier von Alexej von Jawlensky, Kurt Schwitters, Johannes Molzahn, Bernhard Hoetger, Max Pechstein, Christian Rohlfs und weiteren Künstlern. In den unterschiedlichen Bauhaus-Mappenwerken versammeln sich Werke der wichtigsten Protagonisten der modernen Malerei und Grafik. 



Diwandecke, 1929
Bauhaus Dessau
Doppelgewebe mit Füllschuss, Leinwandbindung, Baumwolle, Wolle, 200 x 126 cm
Kunstsammlungen Chemnitz Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt




Von der in Chemnitz geborenen Bauhauskünstlerin Marianne Brandt, die vor allem durch ihre Metallgestaltung berühmt wurde, sind zehn Originalfotografien aus ihrer Dessauer Bauhauszeit zu sehen. Ihre fotografischen Arbeiten zeichnen sich durch einen individuellen Stil aus, den Brandt durch extreme Auf- und Untersichten, scharfe Kontrastierungen von Hell- und Dunkelwerten, Spiegelungen, Licht- und Schattenspiele erreichte. Selbstporträts – bisweilen als Spiegelungen in metallenen Glaskugeln – gehen über die intellektuelle Motivation hinaus und zeigen eine Art von Selbstreflexion, die am Bauhaus sonst eher im Hintergrund stand.




Benita Koch-Otte
Wandbehang, 1922/1924
Bauhaus Weimar
Leinwandbindung mit Schützenwechsel, Baumwolle, Wolle, 180 x 110,5 cm
Kunstsammlungen Chemnitz
Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt © 2019 von Bodelschwinghsche Stiftungen
Bethel für das Werk von Benita Koch-Otte






Ein Musterbuch mit Bauhaustapeten sowie Drucke für Ausstellungen des Bauhauses selbst runden die Präsentation in den Kunstsammlungen am Theaterplatz ab. Darunter befinden sich das Plakat von Joost Schmidt für die Bauhausausstellung in Weimar 1923 und Postkarten, die Lyonel Feininger anlässlich dieses Ereignisses schuf.






Bauhaus. Textil und Grafik
Kunstsammlungen am Theaterplatz
5. Mai - 4. August 2019

Öffnungszeiten:
Di, Do-So, Feiertag 11-18 Uhr
Mi 14-21 Uhr

  

Mehr Informationen unter:



Montag, 1. Juli 2019

"Auf den zweiten Blick - Bauhausstoffe als Inspiration", 06.07. - 08.09.2018, Tuchmachermuseum Bramsche


              Wolldecke, gewebt auf dem Jacquardwebstuhl im Tuchmacher Museum Bramsche, 
      nach einem Entwurf der Bauhäuslerin Gunta Stölzl
     (Foto: Fotostudio Kröger)

Das Bauhaus, dessen 100-jähriges Gründungsjubiläum 2019 gefeiert wird, hat einen herausragenden Platz in der Designgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Weberei, die am längsten existierende und erfolgreichste Bauhaus-Werkstatt, setzte entscheidende Impulse für die Entwicklung und Professionalisierung des Textildesigns. Gunta Stölzl (1897–1983), die am Bauhaus in Weimar studierte und von 1927 bis 1931 als erste Meisterin die Webereiwerkstatt in Dessau leitete, hat eine umfangreiche Sammlung von Entwürfen, Zeichnungen und Arbeitsproben hinterlassen. Davon inspiriert haben Studierende der Universität Osnabrück, begleitet von der Textildesignerin Lucia Schwalenberg, eine exklusive Kollektion von Wolldecken geschaffen, die auf dem 100 Jahre alten Jacquardwebstuhl im Museum gewebt werden. Der gesamte Prozess – vom Entwurf, über die Patronenzeichnung und das Schlagen der Lochkarten bis zum Weben – kann in der Ausstellung und im authentischen Maschinensaal des Museums mit verfolgt werden.
Wolldecken gehörten neben Teppichen, Möbelbezugsstoffen und anderen Heimtextilien zu den typischen Produkten der Bauhaus-Weberei. Stoffe für modische Kleidung hingegen schienen am Bauhaus kaum eine Rolle zu spielen. Doch auch hier lohnte sich ein zweiter Blick. Die Positionen etwa der Bauhaus-Meisterin Lilly Reich oder Ré Soupault, die am Bauhaus studiert hatte, zum Thema Schnitte und Stoffqualität, Massenproduktion und Modeindustrie sind erstaunlich aktuell. Ein Transformationskleid, wie es Ré Soupault 1930 entwarf, könnte heute noch manches Problem im überfüllten Kleiderschrank lösen. Die Textil- und Bekleidungswissenschaftlerin Annette Hülsenbeck, die Künstlerin Hiltrud Schäfer und ihre Studierenden haben sich mit dem Thema Bauhaus-Mode experimentell auseinandergesetzt. „Auf den zweiten Blick“ wurden Modeentwürfe und Statements von Bauhäuslerinnen entdeckt und Neuinterpretationen erprobt.
Der Ausstellung voraus gingen viele Monate der Vorbereitung. Schließlich sollten erstmals in der Geschichte des Museums selbst geschlagene Muster gewebt werden. Die dafür nötige Maschine zum Schlagen der Lochkarten stand schon lange in der Ausstellung, wurde aber noch nie benutzt. „Dass diese Maschine zum Jacquardwebstuhl passt ist wie ein Sechser im Lotto“, freute sich Textildesignerin Lucia Schwalenberg über das Ergebnis des Gutachtens. Während die Maschine repariert und die Museumsmitarbeiter geschult wurden, arbeiteten die Studierenden an der Universität Osnabrück mit den Entwürfen von Gunta Stölzl. Bereits im Juli 2018 hatte Museumsleiterin Kerstin Schumann mit Annette Hülsenbeck und Lucia Schwalenberg von der Universität Osnabrück im Archiv der Stölzl-Tochter Monika Stadler in Groningen passende Musterproben ausgewählt, die nun von den Studierenden nachgearbeitet, neu interpretiert und den technischen Gegebenheiten des Jacquardwebstuhls im Museum angepasst wurden. „Was die Studierenden hier in relativ kurzer Zeit geschaffen haben, ist wirklich erstaunlich“, zeigte sich die Museumsleiterin begeistert von der Qualität der kreativen Entwürfe.
Nun konnten sich die Museumstechniker Antonio Torres und Volker Leismann in hochkonzentrierter Arbeit daran machen, die Entwürfe Gunta Stölzls und der Osnabrücker Studierenden in Jacquardpappen zu schlagen. Schussreihe für Schussreihe müssen je 400 Positionen von der Patrone abgelesen und die Bindungspunkte in Lochungen übertragen werden. Anschließend werden die Kartenläufe am Nähbrett zusammengenäht und in das Jacquardprisma eingehängt. Für alle Beteiligten war es ein beglückender Moment, als die ersten Kartenläufe schließlich das richtige Musterbild ergaben, manchmal noch korrigiert werden mussten, manchmal auch auf Anhieb klappten.
Seit einigen Wochen entstehen nun Plaids und Schals aus Merinowolle in verschiedenen Mustern und Farbstellungen auf dem Jacquard- und dem Schaftwebstuhl. Sie werden exklusiv zur Ausstellungseröffnung im Museumsshop als Kollektion erhältlich sein. Ein neues Sortiment für das Museum. Eine neue Erfahrung auch für Besucher und Besucherinnen, die den Weg von der Inspirationsquelle, dem Entwurf, dem Kartenschlagen bis zum Weben und dem fertigen Produkt in einer anschaulichen Einheit nachvollziehen können. Ein Großteil der Wollgarne für die Produktion wird auf museumseigenen Maschinen, wie den Krempelmaschinen und dem Selfaktor, hergestellt.
Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Fach Textiles Gestalten der Universität Osnabrück und wird von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der Kreissparkasse Bersenbrück, dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V. sowie dem Förderverein Tuchmacher Museum Bramsche e.V. gefördert. 


bis
 

Tuchmacher Museum Bramsche
Mühlenort 6
49565 Bramsche
 
Mehr Informationen unter:
www.tuchmachermuseum.de